19.
November 2003
Es wird
Zeit für mich etwas Tagebuch zu schreiben, weil ich, wie ich hoffe, mir
und auch anderen dadurch etwas besser helfen kann.
Die Tage gehen immer noch
verhältnismässig gut, solange ich nur in greifbarer Nähe bin. Aber die
Nächte sind im Moment schon recht Mühsam. Werde ich doch mindestens 2
bis dreimal geweckt, weil E nicht schlafen kann und Angst vor dem
alleine sein, Angst davor das er was „dummes“ machen könnte und vor
allem Angst (wie er selber sagt) vor sich selbst hat. Dieses Problem
hat wieder angefangen nachdem er c.a eine Woche lang Durchfall gehabt
hatte, wo alles nur noch rann. Danks Antibiotika war dies nach einer
Woche wieder o.k.
Heute
Nacht wollte er zur Toilette gehen, soweit wäre alles gut gewesen, wen
er nicht vergessen hätte seine langen Unterhosen nach unten zu ziehen.
Ich bin schon zum 4.x aufgewacht, weil ich ihn umherlaufen hörte. Mein
Instinkt sagte mir das es wohl vernünftig sei mal nachzuschauen. E war
sichtlich erleichtert und glücklich mich zu sehen. Er versuchte mir in
aller Aufregung, für mich nahezu unverständlich, zu erklären was
passiert ist. Nachdem ich ihn soweit wieder beruhigen konnte, habe ich
mich an das waschen gemacht. Nachdem er sich dann wieder sauber
hinlegen konnte, bekamen wir wenigstens ein paar Stunden schlaf. Was
uns sichtlich sehr gut tat.
20. November 2003
Heute war der letzte Besuch
Zahnarzt angesagt – ein Zahn musste gezogen werden. Es ist soweit gut
gegangen das heisst, er hat den Mund mehr oder weniger öffnen können
und vor allem offen halten als es darauf ankam (was nicht
selbstverständlich ist). Das Zahn ziehen ging recht schnell und ohne
grössere Schmerzen. Der Zahnarzt war froh, das seine Finger das gut
überstanden haben und wir waren sichtlich erleichtert wieder nach Hause
gehen zu dürfen.
Danach
sind wir Kerzenziehen gegangen, was immer eine Woche lang im November
stattfindet. Für mich die einzige Möglichkeit mich mit anderen in Ruhe
unterhalten zu können, während E immer noch mehr oder weniger, sich
wenigstens beim Kerzenziehen eine weile alleine beschäftigen kann und
vor allem dies sehr gerne macht. Habe allerdings festgestellt das ihm
auch das Kerzenziehen nicht mehr ganz so leicht fällt wie voriges Jahr.
Oftmals muss ich kontrollieren das er auch ja nur seine Kerzen zieht
und nicht die der anderen. Einige male hat er auch etwas Mühe gehabt
den Wachstopf zu finden der etwa 3 m von den aufgehängten Kerzen
entfernt steht. Aber er ist voll motiviert dabei was auch mir viel
Freude macht.
21. –
22. November 2003
Zwei
Tage sind mehr oder weniger ruhig verlaufen. Aber in der Nacht vom 21.
auf den 22. November musste ich 4 mal aufstehen, weil er zu unruhig
wurde.
23. Nov.
2003
Heute
hat der Tag gut angefangen. Sind am Nachmittag wieder Kerzenziehen
gegangen. Aber plötzlich bekam er ziemlich starke Darmschmerzen, was
uns zwang ein paar mal nacheinander auf die Toilette zu gehen. Jetzt
hat es wieder von Verstopfung in Durchfall gewechselt. Wir fanden es
besser wieder nach Hause zu gehen, wo er sich etwas hinlegen und
entspannen kann. So hat er sich um 17.00 Uhr hingelegt und geschlafen
bis etwa 22.00 Uhr. Nachher war ich allerdings gezwungen mich fast die
ganze Nacht, mehr oder weniger wach zu halten.
24. Nov. 2003
Heute wollte ich mich, so müde
wie ich nach dieser Nacht war, nach dem Mittagessen etwas hinlegen und
schlaf nachholen. Leider ist da E unheimlich unruhig geworden, musste
ich doch in seinen Augen krank sein. So musste er doch ausgerechnet da,
immer wieder mit mir reden und versuchen mit allen möglichen und
„unmöglichen“ Aufmerksamkeiten aufzuwarten. Alle meine Versuche ihm zu
erklären, das ich nur eine extra Portion schlaf brauche sind
gescheitert. So habe ich schliesslich aufgegeben und mich, seiner
Beruhigung zuliebe, doch entschieden mich wach zu halten. Sind dann am
späteren Nachmittag wieder Kerzenziehen gegangen. Habe dabei entdeckt
das ich ein extra Auge auf ihn halten sollte, nachdem ich ihn ein paar
mal dabei erwischt habe wie er sich nicht nur um seine eigenen Kerzen
kümmerte. Nur gut das er nicht von den echten Kerzenbesitzern erwischt
worden war. Eine Weile später haben wir uns an einen Tisch gesetzt, um
etwas Pause zu machen. Ich ging schnell für uns Kaffe holen und als ich
wieder zurück kam, sah ich E genüsslich ein stück Kuchen essen. Als ich
ihn dann fragte wo er Kuchen gekriegt hat, zeigte er auf einen leeren
Teller etwa 1 m von ihm weg. Schnell wollte ich mich beeilen um ein
neues stück Kuchen in den leeren Teller zu legen, als ich aus den
Augenwinkeln ein Kind beobachtete, das zu seinem Platz zurückkam und
mit grossen entsetzten Augen in seinen leeren Teller schaute. Als es
dann aber von mir ein neues stück Kuchen bekam (vermutlich war das
andere schon angebissen), war die Welt doch gleich wieder in Ordnung.
Heute war es echt schwierig für E, zwischen „mein und dein“
unterscheiden zu können.
1.
Dezember 2003
Die
letzten Tage sind wieder ziemlich ruhig verlaufen. Ausser das ich
meistens etwa 2 mal pro Nacht geweckt wurde und den
Gefühlsschwankungen, mit denen ich in der Zwischenzeit schon so
ziemlich zu leben gelernt habe. Für das meiste wird ihm immer wieder
bewusst wie er sich nicht mehr auf seinen „Kopf“ verlassen kann, was
oft zu Depressionen führt. Zwischendurch gibt er sich wieder unheimlich
Mühe, weil ich ihm, wie er oft sagt leid tue. Da wir weder seine
Kinder, noch sonst irgendwie Verwandt mit ihm sind, scheinen seine
Verlustängste noch grösser zu sein. Ich denke das dies auch ein Grund
ist, warum wir nicht mit soviel Agressivität konfrontiert sind, wie
viele andere betroffene Angehörige.
2. Dezember 2003
Heute nacht hat er mich
geweckt. Er hat sich ausgezogen und plötzlich gemerkt was los ist, ohne
zu wissen, wie es dazu gekommen war und warum jetzt seine Kleider nur
so rumliegen. Dies hat ihm Angst gemacht und ihn in Panik versetzt.
Habe ihn dann etwas beruhigen und wieder anziehen können und so war es
möglich wieder eine Runde zu schlafen.
3. Dezember 2003
Seit ein paar Wochen ist mir
schon aufgefallen, das er immer mehr Probleme bekommt die reale, von
der unrealen Welt zu unterscheiden. So z.B. sprechen Menschen im
Fernsehen direkt zu ihm. Oftmals winkt er ihnen zu. Seine
Lieblingsmusik auf der CD zu der er gerne mitspielt, kommt jetzt für
ihn nicht mehr nur aus unserer Stereoanlage, sondern es sind Leute, die
mit ihm zusammen Musik spielen wollen. Dies freut ihn umso mehr, weil
es dadurch für ihn live Musik ist und mir macht das Freude, weil ich
sehe das er viel mehr motiviert ist um diesen „Menschen“, beim Musik
machen tatkräftig auf seinen Trommeln mitzuhelfen.
4.Dezember 2003
Habe heute gelesen, das sich
Acetysalicylsäure (was in Aspirin enthalten ist) positiv auf
Alzheimererkrankungen auswirken soll. Oft hat er Spannungskopfschmerzen
durch die Anstrengung des Denkens, um mit so viel wie möglich noch
mitzukommen. Werde mal in dem Zusammenhang mehr auf Aspirin zugreifen
und hoffen, das diese auch bei ihm positive Auswirkungen haben.
14. Dezember 2003
Reise nach Schweden. Ist soweit
alles gut gegangen weil mein Mann mitreisen konnte. So musste ich mich
mehr oder weniger nur um E kümmern. Bin ich gefahren, dann hat dies
mein Mann für mich übernommen. Die einzige Panne hatten wir auf der
Fähre zwischen Kiel und Göteborg. Erst da fällt einem auf, wie weit
doch Toiletten voneinander weg sind auf so einem Boot, wen jemand wie E
dringend eine braucht.........
15. Dezember 2003 – 15. Januar
2004
In
dieser Zeit in Schweden, ist etwas neues dazu gekommen. E hat immer die
Aufgabe übernommen Holz vom Holzschopf zu holen. Dies macht er sehr
gerne weil der Holzschopf sein Reich geworden ist, den er immer mit
viel Stolz jedem unserer Freunde und Bekannten zeigt. Leider fängt er
jetzt aber an sich sehr oft zu verlaufen. Geht Holz holen und läuft
genau 180° verkehrt. Man würde meinen das spätestens dann, wen er von
den schneegepflügten Wegen abkommt und in richtigem Tiefschnee watet,
merken müsste, das etwas nicht stimmen kann und wieder auf das
gepflügte zurückkehren würde. Leider ist die Krankheit unberechenbar
und vieles was einem logisch erscheint ist hier gerade umgekehrt.
15. Januar 2004
Reise zurück in die Schweiz.
Dieses mal ist nichts aussergewöhnliches passiert. Ausser den üblichen
Notstops am Strassenrand, oder auf der Notspur. Mein Mann und ich sind
schon ein gut eingespieltes Team geworden für die Reise, wo jeder seine
Aufgaben wahrnimmt.
25. März
2004
Jetzt
geschehen immer mehr Pannen nachts. Z.B. das er an seinem Pinkelkübel,
der direkt neben dem Bett steht, vorbei geht und irgendwo auf den
Boden, oder auf Möbel sein Geschäft verrichtet. Auch ist er nachts sehr
unruhig, weckt mich weil er immer mehr Angst hat vor dem Nachts alleine
sein, vor dem sterben und wie es weiter gehen soll. Ich merke immer
mehr das ich an meine Grenzen komme und das spürt er auch. Aus diesem
Grund gehen unsere Gespräche immer öfters Richtung Altersheim. Er würde
es gut finden in Schweden bleiben zu dürfen und ist nicht länger
abgeneigt in einem Altersheim zu wohnen – wenn nur, vor allem ich mit
dabei wäre. Da ich die hauptsächliche Zeit mit ihm verbringe, bin ich
für ihn die Bezugsperson geworden. Mein Mann kommt und geht für ihn nur
– das er arbeiten muss und uns auf andere Art mit unterstützt, ist für
ihn, in seiner Situation total abstrakt. Bin mal gespannt wie unser
Sommer in Schweden wird...........
21. Mai 2004
Unsere letzte gemeinsame Reise
nach Schweden war schon mehr als abenteuerlich. Ich konnte nachts schon
kaum schlafen, da mich E immer wieder geweckt hat. Mein Mann hat uns
sicherheitshalber bis Kiel begleitet, so durfte ich wenigstens halb
Deutschland verschlafen. Von Kiel aus ist er dann wieder mit der
Eisenbahn in die Schweiz zurückgefahren und E und ich sind auf die
Fähre nach Göteborg gegangen. Ich durfte E keine Minute mehr aus den
Augen lassen. Man kann sich kaum vorstellen was eigentlich wirklich
alles schief laufen kann. Ich musste auch nachts wenn er aufstand und
einfach pinkeln wollte, schnell reagieren um noch rechtzeitig unseren
kleinen Reise-Pinkelkübel hinzuhalten. Schlafen? Eigentlich habe ich
nur noch funktioniert und das mit einer Ruhe, die eigentlich schon sehr
beängstigend war....Am nächsten Morgen standen uns wieder ca 8 Std.
Autofahrt bevor, um endlich am Ziel anzukommen. Irgendwie haben wir es
auch geschafft - inklusive einmal in einer öffentlichen Toilette
Unterwäsche und Hosen zu wechseln, weil wieder mal eine Panne passiert
ist....Abends wollte E sich nicht schlafen legen, weil er weder die
Räume noch die Umgebung wieder erkannte. Dies wurde zur ersten,
wirklich gefährlichen Nacht. Ich war so ko das ich mich nur noch
schlafen lag. Am Morgen bin ich aufgewacht und verwunderte mich das ich
von E die ganze Nach so gar nichts gehört hatte. Mit einem
beängstigenden Gefühl in der Magengegend bin ich aufgestanden, um
nachzusehen. Von E keine Spur und alle Möbel die irgendwie verschiebbar
waren, standen nun nicht mehr an der gleichen Stelle. Es sah
entsetzlich aus.
Panik
machte sich in mir breit. Als ich den Telefonhörer in die Hand nahm, um
erst mal meine Nachbarn anzurufen, sah ich durchs Fenster das E im Auto
sass. Ein Stein plumpste mir vom Herzen den man vermutlich in ganz
Schweden hören konnte. Zum Glück hatte ich vergessen das Auto zu
schliessen. Ich ging raus, öffnete die Autotüre und E strahlte mich wie
ein Maienkäfer an und meinte nur, können wir jetzt endlich
losfahren?
Die
folgenden Tage sind nicht einfacher geworden. Nun musste was geschehen
damit nicht unsere Situation doch noch in einer Katastrophe endete. Im
Falle von E ging alles für die Behörden sehr schnell. Es brauchte keine
5 Min. mit E, um zu erkennen wie es wirklich um ihn stand. Alle haben
sich nur verwundert wie wir es überhaupt so lange geschafft haben, ohne
Fremdhilfe. Selbst wenn E ins Krankenhaus musste, was einige male
vorkam hatten sie mich im Krankenhaus gleich mit einquartiert.....
16. Juni 2004
E ist nach sehr kurzer
Wartezeit in ein Heim gekommen. Heute ist der erste Tag. Als ich dann
aber nach Hause fahren musste...........Es war die Hölle für uns
beide......
Die
Eingewöhnungszeit hat bei E extrem lange gedauert und war extrem
schwierig (auch für das Personal). Jedes mal wenn ich ihn besucht
hatte, wollte er wieder mit mir nach Hause kommen. Oftmals hat es mir
fast das Herz zerrissen. Würde die eigene Kraft nur weiter
reichen......Das schlechte Gewissen hat mich lange geplagt, aber die
Vernunft hat doch schlussentlich siegen müssen.
Am 4. Juni 2007 ist unser
lieber E verstorben. Wir
möchten keinen Tag missen, den wir mit ihm zusammen verbringen durften.
Die letzten 2 Monate seines Lebens habe ich, Tag und Nacht bei ihm im
Heim verbracht, um mit ihm zusammen auch dieses letzte stück
Weg gemeinsam gehen zu dürfen......
Nachtrag:
Pflegt man einen Menschen im
Ausland, dann ist keine Unterstützung möglich (zumindest gilt das für
Schweden). Die Hilfe selbst bezahlen, konnten wir uns bei den
Schweizerpreisen unmöglich leisten. Erst recht nicht, da wir ja nicht
mal Pflegegeld von Schweden bekommen haben, weil ich keine schwedische
Personennummer habe - sprich; nicht in Schweden gemeldet bin. Kamen wir
dann aber wieder nach ein paar Monate Schweiz, nach Schweden zurück,
war durch seine in der Schweiz entstandene Fixierung mir gegenüber,
jegliche Fremdpflege unmöglich geworden. Bis er sich daran hätte
gewöhnen können, wären wir ja schon wieder in die Schweiz zurück
gefahren.

Ein Dankeschön an "E"
Wie
viel hast du mir gegeben,
in
unserem schönen zusammenleben.
Wir
haben viel gelacht und geweint,
zusammen
getragen, erlebt, gehofft und gemeint.......
Dann
kam die Demenz, diese Krankheit, ein hässliches Wort
und brachte dich immer
weiter, an einen mir unbekannten Ort.
Dort wo bei dir Erinnerungen schrittweise schwinden,
versucht es bei mir
verzweifelt eine Zeit zurück zu bringen.
Etwas was nicht mehr geht und meine Erinnerung,
nun immer mehr einsam da
steht.
Erinnerungen
die mir ein schmunzeln bringen,
Erinnerungen
die aber auch mit Schmerzen, tief in mein Herze dringen.
Wie gerne möchte ich dies
alles mit dir teilen,
nicht
zu lassen das du weiter forttreibest.
Wieviel
möchte ich dir noch sagen,
ein
Dank für all deine Liebe und dein Tragen,
doch meine Worte kommen nicht mehr an,
ich hoffe nur, das du sie
noch spüren kannst.
Ich
fühle mich immer mit dir verbunden,
für all die schönen Stunden, durch alle schönen
Erinnerungen.
Dort wo andere nur das
sehen, was an deinem können und reden schwindet,
sehe ich nur, was sich bei
dir, von deinem mir so lieben Wesen findet.
Ich werde wohl den Inhalt von Demenz nie voll und
ganz verstehen,
aber
ich habe durch diese Krankheit gelernt dich mehr als Seelenverwandt zu
sehen.
Wir verstehen uns auch wenn
Worte und Erinnerungen schwinden,
weil
wir gelernt haben, immer mehr direkt von Herz zu Herz zu finden.
Wir sprechen heute auf ganz
andere Art,
ist
nicht das der wahre Inhalt wo die Liebe gemeint hat?
Habe ich nicht dank dir
gelernt, dich auf andere Art zu verstehen,
mehr mit dem inneren Auge zu sehen?
Für eine neue Art der
Verständigung haben wir gekämpft und gerungen,
trotz dieser Krankheit, oder nur durch sie ist es
uns gelungen.
Ich
danke dir aus ganzem Herzen für deine Liebe, Fürsorge und dein
Vertrauen,
dadurch
habe ich gelernt auf etwas besseres, etwas unbezahlbares zu bauen.
Eines Tages wirst du mich
verlassen,
einen
grossen leeren Raum bei mir hinterlassen.
Ich hoffe, ich finde dann die Kraft, um den Sinn
und die wichtigen Dinge des Lebens,
wo ich durch dich erfahren durfte und erleben,
an deiner Stelle mal, in
deiner Reife weiter zu geben.
Geschrieben von
Ursula
2004
